Der Swiss Trail; ein Männer-Projekt
Seit April 2006 sind mein inzwischen dreizehneinhalb jähriger Sohn Raniero und ich regel-mässig auf Wanderschaft. Wir durchwandern die Schweiz in Etappen vom nördlichsten Punkt bis zum südlichsten Punkt, d.h. vom jurassischen Porrentruy bis nach Chiasso im un-tersten Tessin. Unser bisheriger Weg führte durch die Ajoie und entlang dem Doubs über die drei Juraketten nach Neuenburg. Anschliessend durchquerten wir das Mittelland über den Mont Vully, Murten, Laupen, Bern und Richtung Emmental via Langnau nach Eggiwil. Letzten Herbst - vor dem ersten Schnee - marschierten wir weiter via Sörenberg über den Glaubenbielenpass nach Giswil. Diese Ortschaft war denn auch Ausgangspunkt für die diesjährige Etappe von Giswil nach Göschenen.
Bei Schneetreiben nahmen wir den Weg nach Flüeli unter die Füsse, wo wir in der Jugendunterkunft Bruder Klaus übernachten konnten. Die folgende Tagesetappe führte uns in die Ranft und anschliessend durch eine herrliche Winterlandschaft entlang des Fusses des Stanserhorns nach Stans. Nach Buochs liessen wir uns vom Postauto kutschieren und mit dem Schiff erreichten wir dann Beckenried am Vierwaldstättersee. Die Route des dritten Tages verlief zuerst entlang des Vierwaldstättersees. Beim Risleten-Wasserfall begann ein anstrengender Aufstieg durch Schnee und Eis Richtung Seelisberg. In Seelisberg haben wir Kilometer 300 von total 500 km des Swiss Trails geschafft. Am folgenden Tag marschierten wir auf dem Weg der Schweiz in die Talebene des Urnerunterlandes. Auf der Höhe von Isleten empfing uns der älteste Urner, der Föhn. Quer durch das Reussdelta und dann ostwärts entlang der Reuss erreichten wir den nächsten Etappenort Altdorf, wo wir die Gastfreundschaft meiner Cousine und ihrer Familie geniessen durften. Am fünften Tag besichtigten wir mit kundiger Begleitung von Bärti (so heisst der Ehemann meiner Cousine) in Erstfeld die Neat-Baustelle. Bärti zeigte uns auch mit grossem Stolz das Clublokal der Urner Eisenbahnamateure auf dem Bahnhof Erstfeld und ermöglichte uns einen ersten Einblick in die örtliche Geschichte der Eisenbahn.
Früher wurden in Erstfeld jeweils die Zugskompositionen Richtung Süden für die Bergfahrt mit zusätzlichen Dampfloks verstärkt und gleichzeitig die Mannschaft ausgewechselt. Erstfeld war in seiner Blütezeit auch Wohnort von Menschen verschiedener geografischer Herkunft; so leben heute noch Familien mit typischen Berner-Geschlechtern in Erstfeld. Die Güterzüge werden für die Bergfahrt heute ebenfalls noch mit zusätzlichen Loks verstärkt. Auf dem Güterbahnhof zählten wir nicht weniger als neun Lokomotiven der Deutschen Railion, die für Einsätze bereitstanden.
Zu dritt wanderten wir entlang der Reuss weiter nach Amsteg, wo wir uns von Bärti wieder trennten. Nach nützlichen Anweisungen, wie wir uns in lawinengefährdeten Gebieten am Fusse des Bristens verhalten sollten, marschierten wir nach Gurtnellen. Die letzte Tagesetappe via Wassen nach Göschenen zeigte uns eindrücklich die Bedeutung, die Belastung und die Naturgefahren dieser Nord-Süd-Verbindung auf. Die SBB haben zahlreiche Informa-tionstafeln entlang der Wanderroute angebracht, welche Einblick in die Geschichte geben. Aus nächster Nähe konnten wir auch ein Viadukt besichtigen, welches mit einer Reissleine ausgerüstet ist. Wenn das Wasser zuviel Geröll mitschiebt oder im Winter die Lawine kommt, werden mit dem Reissen der Leine die Signale beidseits des Viadukts sofort auf rot gestellt. Eindrücklich ist auch, wie nahe beieinander die verschiedenen Transportwege (Eisenbahn, Autobahn, Kantonsstrasse und Fusswege) sind. Die in diesem Abschnitt angelegten Kehrtunnel liessen die Züge mehrmals in Sichtweite an uns vorbei fahren.
In Göschenen stehen wir nun vor dem Alpenübergang. Wir planen, im kommenden Herbst vor dem grossen Schnee via Andermatt und Hospental den Gotthard zu überqueren. Warum machen wir das? Es sind die gemeinsamen Erlebnisse von Vater und Sohn... Männer-Sache!
Herzliche Grüsse, Andreas

